Digitalisierungsinduzierte Risiken in der Beschaffung 4.0 - Management einer veränderten Risikosituation durch Industrie 4.0

Jan Niklas Dörseln

Beschaffung 4.0 repräsentiert eine umfassende informationstechnische Vernetzung der Beschaffung mit den vorgelagerten Wertschöpfungsstufen und stellt einen wesentlichen Erfolgsfaktor für Industrie 4.0 dar [1]. Die Vernetzung mit den Lieferanten ermöglicht die Automatisierung des operativen Beschaffungsprozesses und bildet gleichzeitig die Grundlage für eine engere Zusammenarbeit mit strategischen Lieferanten [2, 3]. Allerdings geht eine solche Vernetzung auch mit Risiken einher, die den Erfolg der Beschaffung nachhaltig schmälern können. Es wird gezeigt, inwiefern sich Beschaffungsrisiken durch die Vernetzung verändern und wie sich (je Intensität) der Trade-off zwischen Beziehungs- und Lieferantenrisiken verhält.

Im Vergleich zur traditionellen Beschaffung, welche komplett manuell abläuft oder maximal punktuell durch elektronische Systeme unterstützt wird (e-Procurement), zeichnet sich Beschaffung 4.0 durch einen erhöhten Automatisierungsgrad und eine intensivere Kollaboration mit den Lieferanten aus [3].
 

Beschaffung 4.0

Die Automatisierung der operativen Beschaffung, also der Bedarfsermittlung und Beschaffungsdisposition, basiert grundlegend auf der Kommunikation zwischen Maschinen, indem Cyber-Physische Systeme (CPS) im Liefernetzwerk miteinander kommunizieren [4]. Konkret können CPS Bestände messen bzw. beobachten und im Bedarfsfall selbstständig eine Bestellung beim Lieferanten aufgeben. Darüber hinaus kann die gesamte Bestellabwicklung, inklusive des Transports bis zum Eingangslager, überwacht und gesteuert werden [4, 5]. Ihre Intelligenz erhalten CPS durch Data Analytics und Künstliche Intelligenz, die als Haupttreiber der digitalen Transformation gelten [6]. Mithilfe von Data Analytics können CPS die umfassenden Datenmengen analysieren, Trends oder Verhaltensmuster z. B. zukünftige Materialbedarfsmengen oder -preise prognostizieren und Probleme bei der Lieferfähigkeit aufdecken (Predictive Analytics) [7, 8]. Durch Prescriptive Analytics können CPS zudem konkrete Entscheidungssituationen vorbereiten, indem mathematische Algorithmen u. a. optimale Beschaffungsmengen ermitteln und durch eine kontinuierliche Analyse der Lieferantenleistungen potenzielle Partner identifizieren [7-9]. Durch Künstliche Intelligenz erhalten CPS die Fähigkeit, Problemsituationen eigenständig zu lösen, Handlungen durchzuführen sowie daraus Lerneffekte zu generieren und dienen so als Grundlage für die automatisierte Beschaffung [10, 11].
 


 Bild 1: Risikoveränderungen durch Beschaffung 4.0.

 

Die enge Vernetzung mit den Lieferanten hat auch Auswirkungen auf die strategische Beschaffung, indem sich intensive Partnerschaften bilden [3]. Die Vernetzung endet also nicht mit der Leistungserbringung; vielmehr wird der Lieferant dank seiner Expertise bzgl. seiner gewinnbringenden Fähigkeiten integriert [12]. Hierdurch lassen sich nicht nur gemeinschaftliche Innovationspotenziale identifizieren, um die Produktentwicklung zu fördern [12]. Der echtzeitnahe, transparente Informationsaustausch ermöglicht zudem, dass die strategischen Partner im Moment des Eingangs eines Kundenauftrags ad-hoc individuell Produkte entwickeln [13]. Auch hier erhalten CPS durch Data Analytics und Künstliche Intelligenz die Fähigkeit, Situationen zu analysieren und eigene Entscheidungen zu treffen, indem z. B. Entwicklungspotenziale der Lieferanten aufgedeckt werden und Entscheidungen über die Zusammenarbeit vorbereitet sowie getroffen werden [9, 10].

Anhand der zwei wesentlichen Paradigmen der Beschaffung 4.0 – automatisierte Beschaffung und intensive Kollaboration [3] – werden nachfolgend die Veränderungen der Risiken analysiert.
 

Risiken in der Beschaffung

Ein Risiko beschreibt – entsprechend der wirkungsorientierten Risikodefinition – die Gefahr eines unerwarteten Ereignisses, welches zur Verfehlung geplanter Ziele führt [14]. Das konkrete Konzept von Risiken umfasst drei Komponenten [15]:

 

  1. Kenntnis über die Existenz eines möglichen Risikos

  2. Eintrittswahrscheinlichkeit des Risikos

  3. Schadenshöhe bei Eintreten des Risikos

 

Anhand dieses Konzepts wird im Folgenden die digitalisierungsbedingte Risikoveränderung in der Beschaffung 4.0 analysiert. 

Die Kenntnis über mögliche Beschaffungsrisiken geht auf eine Literaturrecherche zurück, in der verschiedene Beschaffungsrisiken identifiziert wurden [u. a. 16-19]. Generell können Risiken in der Beschaffung bei Lieferanten oder auf dem Beschaffungsmarkt auftreten und die Versorgung des Unternehmens gefährden [20]. Da das wesentliche Merkmal von Beschaffung 4.0 in der umfassenden Vernetzung mit den Lieferanten liegt, konzentriert sich die nachfolgende Analyse auf Risiken, die in der Beziehung mit bzw. bei Lieferanten auftreten. Beschaffungsmarktrisiken, wie z. B. Währungsrisiko, Wirtschaftsrisiko, Zollrisiko, Risiko politischer Instabilität oder Risiko klimatischer bzw. naturbedingter Katastrophen [16-19], werden im Folgenden nicht näher betrachtet, da sie durch die Umsetzung von Beschaffung 4.0 maximal indirekt (z. B. durch eine bessere Überwachung) beeinflusst werden.

Für die identifizierten Risiken wird analysiert, ob Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe in der digitalisierungsinduzierten Beschaffung 4.0, verglichen mit der traditionellen Beschaffung, tendenziell steigen oder sinken (Bild 1). Die Beurteilung erfolgt unter Berücksichtigung der zwei Paradigmen der Beschaffung 4.0 – automatisierte Beschaffung und strategische Kollaboration. 

  


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