Mensch und digitale Technologie - Eine Roadmap für die digitale Transformation einer Alpenregion

Dominik T. Matt, Guido Orzes, Giulio Pedrini, Mirjam Beltrami und Erwin Rauch

Derzeit erleben wir einen rasanten technologischen und gesellschaftlichen Wandel, der durch das Konvergieren diverser Megatrends einen erheblichen Einfluss auf das Alltagsleben der Menschen hat. Unsere Studie zielt darauf ab, relevante Strategien für die digitale Zukunft einer Makro-Region (Tirol, Südtirol und Venetien) herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck wurden, ausgehend von einem Triple-Helix-Modell, semistrukturierte Interviews mit Vertretern von Unternehmen, Universitäten und Schulen und der öffentlichen Verwaltung geführt. Aus den empirischen Ergebnissen leitet die Studie 80 spezifische Handlungsempfehlungen für die digitale Transformation der Makroregion ab.
 

Die Digitalisierung führt aktuell zu erheblichen Veränderungen in der Wirtschaft, den Arbeitsbedingungen, der Gesellschaft und der Bildung [1] und das Interesse von Wissenschaftlern, Unternehmern und politischen Entscheidungsträgern an diesem Phänomen steigt.

Da die Bedeutung der digitalen Transformation immer weiter in den Vordergrund rückt, haben die AkademikerInnen vermehrt Anstrengungen unternommen, die Grenzen dieser Transformation zu gestalten und ihre Herausforderungen, Risiken und Chancen zu beleuchten [2, 3]. Die Literatur zur Digitalisierung hat sich jedoch seltener mit der Entwicklung der Digitalisierung in verschiedenen Kontexten beschäftigt. Typischerweise sind unternehmerische Ökosysteme und regionale Innovationssysteme bei der Entwicklung ihrer digitalen Strategien mit spezifischen Umweltbedingungen konfrontiert. Um moderne unternehmerische Ökosysteme und regionale Innovationssysteme zu verstehen, ist es daher wichtig zu erkennen, wie die Digitalisierung die Wertschöpfung in solchen Kontexten gestaltet [4]. Dies benötigt Forschung und Entwicklung, Fähigkeiten und Innovation.

Darüber hinaus befassen sich die meisten der vorliegenden Studien mit Clustern oder Regionen, die als führend in der Digitalisierung gelten (z. B. das Silicon Valley). Ortsbezogen müssen geeignete Strategien entwickelt werden, um den idiosynkratischen Herausforderungen der Digitalisierung gemäß der jeweiligen „regionalen Wissensdomäne“ zu begegnen [5]. Angenommen, die Einführung der Digitalisierung unterscheidet sich zwischen den europäischen Regionen erheblich, so verdienen die moderat innovativen Regionen Europas, die zur Diversifizierung des „industriellen Wissensvorkommens“ beitragen, spezielle Aufmerksamkeit. Hierzu bedarf es mehrstufiger ortsbezogener Maßnahmen, um die idiosynkratischen Trends der Digitalisierung anzugehen [6].

Ziel dieses Beitrags ist es, relevante Zukunftsstrategien zu Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in einer moderat innovativen europäischen Makroregion (Tirol, Südtirol und Venetien) zu identifizieren und den Politikern und Entscheidungsträgern Empfehlungen zu geben, wie sie den digitalen Wandel ortsspezifisch meistern können.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut. Abschnitt 2 gibt einen Überblick über die Literatur zur Digitalisierung und hebt ortsbezogene Strategien zur Bewältigung der idiosynkratischen Herausforderungen hervor. Abschnitt 3 behandelt die Methodik. Abschnitt 4 fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert sie. Abschnitt 5 beinhaltet ein kurzes Fazit.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die wissenschaftliche Literatur zunehmend mit der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf die Unternehmen, die Wirtschaftssysteme und die Gesellschaft beschäftigt.


Bild 1: Angepasstes Triple- Helix-Modell.

Einige Artikel betrachten die Rolle der Digitalisierung und die im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext verursachten Veränderungen [7]. Andere Publikationen umfassen die Schlüsseltechnologien der Digitalisierung und deren Kategorisierung [8, 9]. Ein dritter Themenbereich befasst sich mit den wichtigsten Herausforderungen der Digitalisierung: (i) Marktherausforderungen, (ii) organisatorische Herausforderungen und (iii) wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Zu den Marktherausforderungen zählen die Transformation von Geschäftsmodellen [3, 10], bis hin zu Servitization [11], die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Lieferketten [12] und die Beziehungen zwischen Hersteller und Kunde [7]. Organisatorische Herausforderungen betreffen vor allem das Wissensmanagement, das auf der Zugänglichkeit von Dokumenten und Informationsplattformen basiert [13]. Ein vierter Themenbereich befasst sich mit den Hauptfaktoren, die in Unternehmen und dem umgebenden System entwickelt werden sollen, um die Vorteile von neuen digitalen Paradigmen zu nutzen. Hierzu zählen die interne Reorganisation des Unternehmens, wie z. B. die Entwicklung neuer Kompetenzen, die auf die digitale Transformation zugeschnitten sind [11], der kulturelle Wandel, der eine digitalisierungsorientierte Strategie unterstützt [14], das richtige Personalmanagement im Umgang mit der Digitalisierung in der industriellen Wertschöpfungskette [15] und ein verbessertes „Change Management“ [16]. Zum Zweiten hat die Digitalisierung die Lieferkette dahingehend verändert [2], dass diese eine offene Innovationsdynamik erfordert [3]. Die Literatur diskutiert auch die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Digitalisierung eingehend. Insbesondere jene auf die Arbeitswelt [17]. Auch diskutiert werden die ökologischen Auswirkungen auf die Ressourceneffizienz [18].

Die oben genannte Literatur weist einige bedeutende Forschungslücken auf. Situationsbasierte Forschungsarbeiten, welche Maßnahmen der Digitalisierung nach Merkmalen der Arbeitskräfte, der Unternehmensstruktur oder den spezifischen Umweltbedingungen von Unternehmen differenzieren, halten sich in Grenzen. Hierzu wäre es sinnvoll, die Besonderheiten von unterschiedlichen regionalen Innovationssystemen zu untersuchen, um geeignete ortsbezogene Strategien zur Bewältigung der idiosynkratischen Herausforderungen der Digitalisierung zu entwickeln.
Angesichts dieser Lücke und unter der Annahme, dass die Digitalisierung den horizontalen Wissensaustausch und Interaktionen, die das Ökosystem stärken, erleichtert [19], erfordert die Heterogenität der europäischen Regionen ortsbezogene Ansätze, um die Prioritäten und Maßnahmen für jedes System zu identifizieren und einen regionalen Plan zu definieren.

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