Digitalisierung individuell gestalten - Unterstützung der digitalen Transformation durch das „Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Textil vernetzt“

Larissa von Wascinski, Michael Weiß und Meike Tilebein

Der fortschreitende digitale Wandel bringt Anpassungsdruck, aber auch Potenziale für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) der Textil- und Bekleidungsindustrie. Hohe Investitionskosten für neue Technologien, unzureichende Qualifikation der Beschäftigten und fehlende Standards sind Beispiele für Hemmnisse, welche die Zurückhaltung vieler KMU gegenüber Digitalisierung begründen. Es besteht daher ein Bedarf an KMU-spezifischen Informationen, sowohl bezüglich möglicher Lösungen als auch bezüglich konkreter Implementierungen, sowie an Unterstützung zur Initiierung und Realisierung von Umsetzungsprojekten. Mit dem „Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Textil vernetzt“, welches durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI) gefördert wird, sollen diese Bedarfe gedeckt sowie Potenziale der Digitalisierung und Vernetzung veranschaulicht und der Weg dorthin an KMU vermittelt werden.

 

In Deutschland gibt es etwa 1400 Textil- und Bekleidungsunternehmen. Dominiert von KMU zählt dieser Wirtschaftszweig mit einem jährlichen Umsatz von rund 32 Mrd. Euro zu den wichtigsten Konsumgüterbranchen in Deutschland [1]. Die textilen Wertschöpfungsprozesse, insbesondere für technische Textilien, sind aufgrund der vielfältigen Anforderungen sowohl seitens der Anwendungsfelder als auch seitens der vielfältigen Ausgangsmaterialien sehr komplex und wissensintensiv [2].
Der digitale Wandel in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie erfordert ein breit angelegtes Vorgehen, wie es exemplarisch für die Maschenindustrie in der Studie Strick 4.0 beschrieben wird [3]. Dort werden unter anderem die folgenden beiden Handlungsfelder identifiziert:
•    Leuchtturmprojekte und Wertschöpfungspotenziale durch neue Dienstleistungen: Leuchtturmprojekte und die Kommunikation von Best-Practice-Lösungen können helfen, die Entwicklung von Industrie-4.0-Ge
schäftsmodellen, insbesondere bei der kundenindividuellen Fertigung, voranzutreiben.
•    Integriertes Forschungs- und Anwendungszentrum: Um den Wissenstransfer zwischen Forschung und KMU in sämtlichen Handlungsfeldern zu forcieren, wird die Einrichtung eines integrierten Forschungs- und Anwendungszentrums empfohlen. Dort sollen der aktuelle Wissenstand vermittelt sowie richtungsweisende Projekte initiiert werden.

Diese beiden Handlungsfelder spielen für KMU eine wichtige Rolle bei der Identifikation von Potenzialen und dem erfolgreichen Umgang mit Herausforderungen.

 


Bild 2: Demonstrierte Prozesskette „Simulate, Print and Cut“.

Potenziale und Herausforderungen

Der digitale Wandel ermöglicht, auch für KMU der Textil- und Bekleidungsindustrie, Potenziale für Umsatzsteigerungen, neue Wettbewerbsvorteile, die Erschließung neuer Formen der Wertschöpfung sowie innovative Geschäftsmodelle. Die Potenziale lassen sich dabei den folgenden vier Kategorien zuordnen:
Verbesserung interner Abläufe: Eine verbesserte, bedarfsgerechte Informations- und Wissensbereitstellung im und zwischen Unternehmen erhöht die Prozessstabilität und damit auch die Produktqualität. Neue Maschinentypen und Produktionsverfahren sowie konsequente Digitalisierung [4] ermöglichen eine wirtschaftliche Klein- und Kleinstserienfertigung.
Verbesserung organisatorischer Rahmenbedingungen: Aufgrund der demografi schen Entwicklung und der Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist eine altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung essenziell [5]. Insbesondere Automatisierungslösungen und Assistenzsysteme können dazu wichtige Beiträge leisten.

Neue Produkte und Dienstleistungen: Durch die Digitalisierung sowie die Ausgestaltung von Produkten als Cyber-Physische Systeme können bspw. Informationen aus der Nutzungsphase für Produktverbesserungen herangezogen werden oder Produkte können um weitere Services ergänzt werden.
Neue Geschäftsmodelle: Der digitale Wandel begünstigt die Entstehung innovativer, datenbasierter Geschäftsmodelle bei allen Akteuren im textilen Wertschöpfungssystem. Beispielsweise kann eine durchgängige Prozessverfolgung und Transparenz für Geschäftsmodelle genutzt werden, die auf Nachhaltigkeit angelegt sind [6].
 Für viele KMU ist die Erschließung dieser Potenziale alles andere als trivial. Sie sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, die mit der digitalen Transformation einhergehen. Dabei werden sie sowohl vor organisatorische Herausforderungen als auch vor technische Hemmnisse gestellt:
•    Fehlende Kenntnisse über Potenziale für das eigene Unternehmen: Oftmals fehlt Unternehmen die Einordnung der eigenen Organisation in die Digitalisierungslandschaft. Dadurch können sie ihren Handlungsbedarf und die schon jetzt nutzbaren Potenziale nicht richtig erfassen [3].
•    Kaum Leuchtturmprojekte als Branchenvorbilder: Die Erkennung von Potenzialen wird dadurch erschwert, dass es bisher kaum Leuchtturmprojekte in der Textil- und Bekleidungsindustrie gibt, die als Inspiration für andere Unternehmen dienen könnten [3].
•    Hohe Kosten für die Digitalisierung: Die Investitionskosten für Digitalisierungsmaßnahmen werden von vielen Unternehmen als sehr hoch eingeschätzt und der daraus resultierende wirtschaftliche Nutzen als zu gering erachtet [7].
•    Datensicherheit und Datenschutz: Explizites und implizites Produkt- und Prozesswissen ist für die KMU der Textil- und Bekleidungsindustrie ein wichtiges Kapital. Der Schutz dieses Wissens vor unberechtigtem Zugriff ist ein zentrales Anliegen vieler KMU.
•    Ungenügende Information und Qualifikation der Beschäftigten: Die Verankerung neuer Abläufe in der Organisation ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für den digitalen Wandel [8].
•    Inhomogene System- und Produktionslandschaften: Die KMU der Textil- und Bekleidungsindustrie sind geprägt durch inhomogene System- und Produktionslandschaften. Teilweise werden dort modernste Produktionsanlagen neben 40 Jahre alten Maschinen eingesetzt.
•    Fehlende Standards und digitale Modelle: Das Fehlen von Standards und von virtuellen Repräsentationen der Produkte und Prozesse erschwert den Austausch von Informationen in vielen Bereichen. Dadurch wird die Systemintegration sehr komplex, da für jede Kommunikation individuelle Lösungen entwickelt werden müssen.

Die Unterstützung von KMU der Textil- und Bekleidungsindustrie, des Textilmaschinenbaus und angrenzender Branchen bei diesen Herausforderungen und Hemmnissen, ist der Fokus des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Textil vernetzt. Das Kompetenzzentrum wird von dem Gesamtverband textil+mode sowie den Partnern Deutsche Institute für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF), Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen University, Sächsisches Textilforschungsinstitut e.V. und dem Querschnittstechnologiepartner Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e.V. betrieben. Anhand textilbasierter Werkstoff e, vernetzter Produktionsprozesse sowie smarter Sensortechnik vermitteln diese Partner die Potenziale der Digitalisierung an KMU und veranschaulichen den Weg dorthin. Damit ist das Kompetenzzentrum Bindeglied zwischen Forschung, Industrie und Bildung, dem sogenannten „knowledge triangle“ [9].


Ansatz des Kompetenzzentrums Textil vernetzt

Aufgrund der großen Diversität von Textil- und Bekleidungsunternehmen in ihren Strukturen und Produkten können nur sehr eingeschränkt allgemeingültige Umsetzungsempfehlungen gegeben werden. Die Komplexität der Digitalisierung erfordert daher nicht nur entsprechende Informationsbereitstellung, sondern auch Unterstützung bei der Konzipierung und der Umsetzung von Lösungen [10]. Um diesen Bedarf bei den Unternehmen abzudecken, setzt das Kompetenzzentrum Textil vernetzt auf das Konzept Informieren, Demonstrieren, Qualifi zieren, Konzipieren und Umsetzen [11], welches auch in anderen Kompetenzzentren der Förderinitiative „Mittelstand 4.0 - Digitale Produktions- und Arbeitsprozesse“ des BMWI genutzt wird. Die ersten drei Schritte konzentrieren sich dabei auf die Wissensvermittlung („learning for work“)[12] und die letzten beiden Schritte auf die praktische Unterstützung bei der Anwendung des Wissens. Bild 1 zeigt dieses Konzept, welches KMU den Weg hin zu Industrie 4.0 erleichtern soll.

Textil vernetzt ist damit eines von bisher 25 Kompetenzzentren, die deutschlandweit vorwiegend KMU mit individuellen Angeboten rund um die Themenbereiche Digitalisierung und Vernetzung unterstützend zur Verfügung stehen.

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